Hamburg, 19.08.2019 | Story | Unternehmen Am Anfang war die Gastrokamera

In einer sechsteiligen Serie werden bis zum Ende des 100-jährigen Jubiläumsjahres Episoden aus der erfolgreichen Geschichte von Olympus erzählt, die beispielhaft für das Unternehmen und seine Kernwerte stehen. Den ersten Teil bildet eine Geschichte darüber, wie ein einziges Produkt Olympus den Einstieg in das Medizingeschäft ebnete - die Gastrokamera.

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Endoskope sind heutzutage für die moderne medizinische Versorgung unverzichtbar. Auch wenn die Idee, ein medizinisches Gerät zur Beobachtung innerhalb des menschlichen Körpers zu verwenden, bereits lange vorher existierte, gelang es Olympus als weltweit erstes Unternehmen, eine Gastrokamera zu entwickeln und praktisch anzuwenden.

1949 besuchte ein junger, 29-jähriger Arzt Olympus und regte die Entwicklung einer Kamera an, die Bilder im Magen der Patienten aufnehmen kann. Dieser Arzt war Dr. Tatsuro Uji von der Abteilung für Chirurgie des Universitätskrankenhauses Tokio in Koishikawa. Damals war Magenkrebs die häufigste Todesursache in Japan. Die Früherkennung und Behandlung von Krebs war daher die große medizinische Herausforderung dieser Zeit.

Innovationsfreude

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Mutsuo Sugiura, der Entwickler bei Olympus (links), und Dr. Tatsuro Uji, der eine Magenfotografie durchführt (rechts).

Die Bitte von Dr. Uji blieb nicht ungehört. Mutsuo Sugiura, Ingenieur bei Olympus, im gleichen Alter wie Dr. Uji und mit ähnlicher Neugier auf Innovationen, antwortete ihm: „Solange es Licht, ein Objektiv und einen Film gibt, kann eine Kamera überall Bilder machen.“ Das war der Startpunkt der Entwicklung der Gastrokamera, die von Olympus in Zusammenarbeit mit Ärzten vorangetrieben wurde.

Diese Entwicklung war ein steiniger Weg. Immer wieder landeten die Ingenieure in Sackgassen und mussten von vorne beginnen. Komplett neue Wege wurden beschritten, wie zum Beispiel die Verwendung von Kunststoff, der damals gerade in Japan auf den Markt kam, anstelle des leicht erodierenden Gummis für das Einführungsrohr. Als Lichtquelle im dunklen Mageninneren musste eine Mikrolampe entwickelt werden.

Zunächst wurde erwogen, den Magen während der Bildaufnahme mit Wasser zu füllen. Auf halbem Weg änderte Olympus jedoch die Methode. Der Magen sollte stattdessen mithilfe von Luftpumpen aufgeblasen werden, um den Bereich besser beobachten zu können. Trotzdem konnte man erst nach der Entwicklung des Films sagen, ob die Bilder wirklich gelungen waren.

1950_First_Gastrocamera

1950 wurde die erste Gastrokamera von Olympus vorgestellt.

Trotz der zahlreichen Herausforderungen stellten sich die Entwickler beharrlich den Anforderungen der Ärzte und setzten neue Ideen in die Realität um. Die Aufregung vor der ersten Anwendung war dennoch groß, wie ein Zitat von Dr. Uji belegt: „Meine Hände zitterten vor Patient 1, und es war schwer, Selbstbewusstsein auszustrahlen. Im Unterbewusstsein betete ich für unseren Erfolg.“

1950 wurde schließlich die erste Gastrokamera von Olympus, die GT-1, fertiggestellt, und auf einem Treffen der Japan Surgical Association am 3. November vorgestellt.

Viele Zeitungen berichteten darüber und die Entwickler in den Olympus-Forschungslaboren wurden derart von Reportern belagert, dass sie sich beschwerten, nicht mehr zum Arbeiten zu kommen.

1952 begann der kommerzielle Vertrieb unter dem Produktnamen "Gastrocamera". Obwohl einige der Meinung waren, dass "Magenkamera" ein besserer Produktname für das Gerät sei, entschied sich Olympus für "Gastro" und folgte damit dem Vorschlag von Dr. Uji.

Einsatz für die Kunden

GT-1

Olympus GT‐I

Als die Kameras dann im realen klinischen Umfeld eingesetzt wurden, erwiesen sie sich zunächst als störanfällig. Ärzte waren häufig nicht in der Lage, Fotos zu machen, die für die Diagnose verwendet werden konnten. Olympus wurde zeitweise mit Produktrückgaben und Reparaturwünschen von Ärzten überschwemmt.

Wäre nicht eine Gruppe von Ärzten gewesen, die an das Potenzial dieses neuen innovativen Medizinproduktes glaubten, wäre die Gastrokamera wohl kurz nachdem sie das Lichte der Welt erblickt hatte wieder vom Markt verschwunden. Diese Ärzte gründeten das Gastrocamera Research Group Meeting (als Vorläufer der aktuellen "Japan Gastroenterological Endoscopy Society"), um eine bessere Nutzung der Gastrokamera zu ermöglichen. Olympus erhielt von dieser Gruppe viele Rückmeldungen, die zu Verbesserungen der Gastrokamera führten.

Darüber hinaus wurde mit der Gastrocamera Society ein Standbein für die Verbreitung der Gastrokamera in ganz Japan geschaffen. Begeisterte Anwender warben für das neue Produkt und stellten sich für technische Beratungen zur Verfügung.

10th anniv

10-jähriges Jubiläum des GT-I

Die Gastrokamera konnte auch im Ausland erste Erfolge feiern. Im Juni 1951 wurden Patentanmeldungen in den USA, Großbritannien, Frankreich und Westdeutschland eingereicht; 1956 wurde sie in den USA, China und Schweden auf den Markt gebracht, 1962 in Brasilien und Indien. 1960, zehn Jahre nach der Markteinführung des GT-I, erreichte die Zahl der verkauften Gastrokameras bereits 1.000 Stück.

Langfristige Perspektive

Durch die gemeinsame Entwicklung der Gastrokamera mit einer Gruppe von Ärzten begann Olympus zu verstehen, was von einem Medizinprodukt erwartet wird und wie Produkte bewertet werden.

Die Entwicklung der Gastrokamera begann damit, dass die Idee eines Arztes verwirklicht wurde. Diese langfristige Perspektive und die Offenheit gegenüber neuen Ideen half Olympus auch später bei der Entwicklung der neuen Generationen von Fiberskopen, Videoskopen und Endoskopen. Die Geschichte der Entwicklung der Gastrokamera zeigt somit, wie wichtig es ist, sich in die Kunden hineinzuversetzen, auf ihre Ideen und Wünsche zu hören und weiterhin neue Herausforderungen mit Blick auf die Zukunft anzunehmen.