
Stummer Zeuge
Nick Danziger hielt mit seiner E-400 die letzten Tage von Tony Blair als Premier fest. Nick Blackmore sprach mit ihm über Macht, Ruhm und Hoffnung.
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Unterwasserfotografie
Faszinierende Welten voller Farben und Details, die dem fotografischen Auge ohne Spezialausrüstung verschlossen bleiben.
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(Artikel erschien zuerst im Olympus User Magazin, UK.)
NICK DANZIGER FOTOGRAFIERTE STAATSOBERHÄUPTER IN CAMP DAVID UND VERLASSENE KINDER IN KABUL. JETZT NUTZT ER SEINE E-400, UM DIE LETZTEN TAGE VON TONY BLAIR IM AMT DES PREMIERMINISTERS ZU DOKUMENTIEREN. NICK BLACKMORE SPRACH MIT IHM ÜBER MACHT, BERÜHMTHEIT UND HOFFNUNG.
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Ein Arbeitswochenende kann – je nach Beruf – ganz unterschiedlich aussehen. Für eine Verkäuferin mögen es einfach Tage voller üblicher Pflichten sein. Für einen Geschäftsreisenden sind es vielleicht persönliche Unannehmlichkeiten, die durch den Vorteil einer Unternehmenskreditkarte aufgewogen werden. Aber falls Sie Ihr Wochenende in Begleitung eines Fotojournalisten verbringen sollten, könnte das eine Tür in eine andere Welt aufstoßen. Während meines Interviews mit Nick Danziger erfuhr ich, dass er das Wochenende in Irak verbracht hatte – eine Tatsache, die er so ganz nebenbei erwähnte, als handelte es sich um einen belangslosen Besuch bei einem Verwandten in einer verschlafenen Vorstadt. Aber das ist keine falsche Bescheidenheit von ihm. Bereits mit 13 Jahren begann er, „durch Europa zu trampen und sich heimlich in Flugzeuge einzuschleichen“. |
Er ist – im wahrsten Sinne des Wortes – zurückhaltend und möchte sich so weit wie möglich aus der Welt seines Motivs heraushalten. Er erzählt mir von den vierzehn Tagen in Afghanistan, in denen er den Präsidenten Hamid Karzai fotografierte. Jeden Morgen – ganz gleich, ob im Beisein eines Ministers oder eines ausländischen Würdenträgers – begrüßte er Nick mit einem fröhlichen „Wie geht’s, Herr Danziger? Haben Sie schon gefrühstückt?“
| Derart persönliches Geplauder ist für Nick ein Gräuel. Denn er ist in Bezug auf seine Motive immer „verzweifelt darum bemüht, dass sie meine Gegenwart nicht bemerken“. Als Nick Präsident Karzai das nächste Mal begegnete, war er in der Downing Street Nummer 10, allerdings für ein ganz anderes Motiv: Tony Blair, den Mann, den er später an jenem Maiwochenende bei einem Überraschungsbesuch der britischen Truppen im Irak begleiten würde. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels war er immer noch Premierminister, eine Position, die er über ein Jahrzehnt innehatte. Wie Nick dazu kam, Tony Blairs letzte Tage im Amt zu fotografieren, gleicht einer Studie in Beharrlichkeit: Am Abend eines Tages, an dem er Aufnahmen für einen Zeitschriftenartikel zu Blairs 50. Geburtstag gemacht hatte, rief Nick Downing Street an und erkundigte sich, ob er noch einmal wiederkommen könne. | ![]() |
„Sie fragten: ‚Haben Sie nicht alles, was Sie wollten?’“, erinnert sich Nick. „Ich sagte, ‚Was liegt morgen an?’“ Eine Kabinettssitzung und ein Anruf bei Jassir Arafat stünden ganz oben auf der Tagesordnung, wurde ihm mitgeteilt. Nick bat sofort darum, zurückkommen zu dürfen. Dieser Verhandlungsprozess wiederholte sich an insgesamt 30 Tagen. Das daraus entstandene Material bildete die Grundlage für „Blair at War“, eine faszinierende Serie von Schwarzweißfotografien, die den oftmals einsamen Weg des Premierministers bis zur Invasion in den Irak dokumentiert. Treffen mit Präsident Bush, Rebellionen der Hinterbänkler und Auseinandersetzungen mit Jacques Chirac hinter den Kulissen – all das wird in nüchternen Details dargestellt. Jetzt, über zwei Jahre nachdem er den Premierminister auf seiner erfolgreichen Wahlkampagne im Jahr 2005 fotografierte, steht Nick kurz vor Abschluss seines Projekts „Die letzten Tage von Tony Blair“. Diese Folge von Farbaufnahmen gestattet einen tieferen Einblick in die Tätigkeit des Premierministers während seiner letzten Monate im Amt. Im Vergleich zum düsteren Kapitel „Blair at War“ erzählen sie eine völlig andere Geschichte.
Was bei diesen Bildern verblüfft, ist, dass sie eher an die US-amerikanische Fernsehserie „West Wing“ als an die britische Polit-Sitcom„Yes, Minister“ erinnern. Wie Nick betont, wird der moderne Politiker sowohl als Promi als auch als CEO wahrgenommen; eine umherziehende, vieles gleichzeitig erledigende, gar glamouröse Repräsentationsfigur. Für den britischen Premierminister gehört zur Machtausübung und dem Verhandeln von Prioritäten auf globalem Niveau heutzutage nicht nur der Umgang mit anderen internationalen Führern, sondern auch der mit selbsternannten Diplomaten und bekannten Persönlichkeiten aus der Geschäftswelt und der Unterhaltungsbranche. Nick ist sich nicht sicher, welchen Effekt das auf seine Bilder hat. Beim Durchsehen der Fotos erlebt man einen ständigen Nervenkitzel, der von dem Gefühl herrührt, dass man in den Korridoren der Macht „die Fliege an der Wand“ ist. Blair dabei zuzusehen, wie er mit Bill Gates Witze macht – einem Mann, dessen Reichtum den einiger Länder übersteigt – kann jegliche objektive Reaktionen auf die Arbeiten erdrücken.
BEIM DURCHSEHEN DER FOTOS ERLEBT MAN EINEN STÄNDIGEN NERVENKITZEL, DER VON DEM GEFÜHL HERRÜHRT, DASS MAN IN DEN KORRIDOREN DER MACHT „DIE FLIEGE AN DER WAND“ IST.
Ein Bild macht dieses Dilemma besonders deutlich. Es handelt sich dabei um eine intime Aufnahme von einer dichtgedrängten privaten Feier in Davos, Schweiz. Während sich im Hintergrund Blair und Prince Andrew scheinbar ganz entspannt mit einem Drink in der Hand unterhalten, sieht man vorne den sich abwendenden Bono mit der schon als sein Markenzeichen geltenden Sonnenbrille – die er auch im Hause trägt – stehen. Nick mag die Aufnahme nicht besonders und so war ein Assistent bestürzt, als eine Fotoagentur es zum Nachrichtenmagazin Newsweek für den Leitartikel „Die letzten Tage von Tony Blair“ schickte. Für ihn liegt der Wert des Bildes einzig darin, das es drei sehr berühmte Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen des öffentlichen Lebens kaum einen Meter voneinander entfernt zeigt. Davon abgesehen, ist das Bild schlecht komponiert – anonyme Partygäste drängen sich am rechten Bildrand. Und durch die harte Blitzaufnahme bemüht sich das Auge umsonst, eine Art Struktur zu finden. Das kommt in Nicks Arbeiten selten vor: ein Vergnügen mit Gewissensbissen. Der Betrachter ergötzt sich an Celebritys – ganz einfach, weil er es kann.
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Meistens befasst sich Nick jedoch mit etwas völlig anderem als dem flüchtigen Spaß, Promis im Bild festzuhalten. Seine Arbeit, Menschen am Rande der Gesellschaft zu fotografieren, führte ihn rund um den Globus. „Die Verzweiflung, die einem begegnet“, sagt er, „ist unbeschreiblich“. Es wird viele überraschen, dass sich diese Aussage zum Teil auf seine Arbeit in Großbritannien bezieht. Für das Buch „Danziger´s Britain“ lebte er zusammen mit Obdach- und Arbeitslosen. Dabei war er sich ständig bewusst, dass es zwischen dem Leben, in das er jederzeit zurückkehren konnte, und dem seiner Motive eine „unüberbrückbare Kluft“ gab. Nick lernte sowohl diejenigen kennen, die am ehesten die Welt verändern könnten, als auch jene, die am dringendsten Veränderung brauchen. Man könnte nun denken, dass ihn diese Erfahrungen hinsichtlich der Möglichkeiten, Menschen von Not, Krieg und Krankheiten zu befreien, ernüchtert haben. Aber das ist nicht der Fall. „Ich war beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Und das hat mich überaus optimistisch gestimmt, dass die Menschen sehr viel dafür tun können, die Welt zu verändern“, so Nick. |
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Natürlich macht sich Nick keinerlei Illusionen über die eingeschränkten Möglichkeiten der Kunst im Vergleich zur praktischen Hilfe. Einmal beschreibe ich seine Bilder von Opfern des Genozids in Ruanda als „ein Zeugnis“ dessen, was diese Menschen dort erleiden. „Na hoffentlich“, antwortet Nick, bevor er feststellt: „Aber das hilft ihnen auch nicht.“ Eine weitere Gelegenheit, beide Seiten einer Geschichte zu betrachten, ergab sich Nick in einer anderen, ähnlich tiefgründigen Weise. Gefragt nach seinem Lieblingsbild von der Arbeit über Blair wählt er eines aus, bei dem das persönliche Erleben für ihn im Vordergrund steht – und nicht die künstlerische Qualität. Er entschied sich für diese Aufnahme, weil sie auf einem gemeinsamen Flug mit dem Premier über Bagdad Ende 2006 entstand. Im Informationszeitalter ist es sehr schwierig, wirklich ein Verständnis für Ursache und Wirkung einer Entscheidung, wie zum Beispiel in den Irak zu gehen, zu entwickeln. Für die meisten Menschen existiert das britische Engagement im Konflikt lediglich als Fernsehbeitrag, der im besten Falle nur einen sehr entfernten Einfluss auf ihr Leben hat. Nick war Zeuge der Vorbereitungen in den vorangegangenen Jahren und sah genau, mit welchen Konsequenzen „die andere Seite des Krieges“, wie er es nennt, verbunden war. „Die Menschen bemerken sofort, dass ich nicht die üblich großen Objektive eines Fotojournalisten bei mir trage“, erläutert er. „Ich arbeite mit älteren Modellen von Olympus – traditionellen SLRs und jetzt auch mit der E-400, weil sie so klein ist.“ Die Auswahl seiner Ausrüstung ist mittlerweile auch Gesprächsgegenstand bei den Menschen, die er porträtiert. „Jack Straw und Colin Powell haben mit mir angeregt über meine Kamera geplaudert, als wir in Hillsborough Castle waren”, erinnert er sich. |
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KEINER WIRD AUFGEFORDERT ZU POSIEREN: „DA ICH REPORTAGEN MACHE, MÖCHTE ICH WEDER SITUATIONEN NOCH BILDER MANIPULIEREN“.
Dass es ihm die Auswahl seiner Kamera erlaubt, unaufdringlich aufzutreten, ist für Nick von Vorteil. Genauso wie die Tatsache, dass er gelernt hat, angesichts historischer Ereignisse ruhig zu bleiben. „Wenn Du mitbekommst, dass da ein unglaublich wichtiges Gespräch geführt wird – Bush und Blair sprechen gemeinsam über die ersten Entwicklungen im begonnenen Krieg – merkst du, dass Du Dich im Zentrum der Macht befindest. Für Dich bedeutet das jedoch gar nichts, Du musst es nur dokumentieren.“ Bei solchen Gelegenheiten wird von Nick erwartet, dass er seine Augen einsetzt, aber nicht seine Ohren. „Ich nehme an solchen Zusammenkünften in gewisser Weise als Gehörloser teil“, bemerkt er. „Die einzige Möglichkeit für mich, dabei sein zu können, besteht darin sicherzustellen, dass nichts von dem, was ich höre, nach außen dringt.“
Nick kann sich gut vorstellen, Blair auch bei seiner nächsten Position zu begleiten, oder seinen Nachfolger in der Downing Street Nummer 10, Gordon Brown. Daneben arbeitet er aber auch eifrig an einem anderen Projekt. Dabei begleitet er acht Personen und beobachtet, wie die Millenium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen ihr Leben verbessert – oder auch nicht. So ein Thema ist viel schwieriger zu verkaufen als eine Arbeit über Blair. Aber in Nicks Augen ist es nicht weniger wichtig. Für ihn sollten solche Geschichten nicht auf taube Ohren stoßen.







